Henkel: Das schnelle Geld nimmt die Gewinne vom Tisch

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Nach Veröffentlichung der Quartalszahlen verlor die Henkel-Aktie zeitweise mehr als vier Prozent. Was war geschehen? Hatte der Konzern seine Gewinnziele kassiert? Nein. Hatte es negative Nachrichten im großen Stil gegeben? Nein. Der Grund für den Kurs-Einbruch war schlichtweg der, dass das schnelle Geld – ein Synonym für kurzfristig agierende Börsenplayer – seine Gewinn vom Tisch genommen hatte.

Dabei waren die Zahlen für Q2/2017, yoy, bei Henkel wie gewohnt solide:

⁃ Solides Umsatzwachstum und Rekord bei um Einmalkosten aus M&A bereinigter operativer Marge, weiter sehr starkes Industrieklebstoffgeschäft mit seit langem branchenführender und unverändert zulegender operativer Marge, dynamisches und sehr profitables Geschäft mit Waschmitteln und Home Care in nahezu allen Absatzmärkten, erneut robustes operatives Wachstum und beeindruckende Outperformance gegenüber allen Peers auch des Consumer-Geschäfts in den USA trotz dortiger Konsumzurückhaltung, robustes Wachstum in den EM inkl. China, dynamisches Wachstum des Online-Absatzes, die anhaltende Konsumschwäche in Frankreich und Italien, vor allem bei Personal Care, bremst erneut den Absatz in Westeuropa trotz wieder besseren Geschäfts in Deutschland, UK, Spanien und Skandinavien/Benelux; konkret:
⁃ Umsatz +9,54% auf 5,1 Mrd. EUR, M&A +7,4% (hauptsächlich Sun Products), operatives Wachstum +2,2%, diesmal ausschließlich absatzgetrieben;
⁃ Umsatz regional: Westeuropa oW -1,2% auf 1,54 Mrd. EUR (30,2% Konzernanteil) wg. aktuell schwacher Konsumnachfrage in F u. I, dort vor allem bei Beauty (Shampoos u. Deos wurden dort weniger verkauft, nicht dagegen Schwarzkopf/Syoss/Friseurmarken), lt. CEO Van Bylen im Analysts Call regt Henkel mit mehr hochwertigen Produktinnovationen und Werbung den Absatz an und baut diese Aktivitäten derzeit weiter aus, hingegen deutliche Absatzerholung in Deutschland nach dort softem Q1, auch UK und Nordeuropa unverändert gut; oW in Nordamerika mit +3,2% auf 1,31 Mrd. EUR (25,7% Konzernanteil) erneut mit starker Outperformance ggü. allen Peers trotz dort weiterhin verhaltener Konsumnachfrage (Outperformance dort inbesondere Persil mit mehreren Produktneuheiten, mit den Friseurmarken sowie beim industriellen Klebstoffgeschäft); oW in den reifen Märkten (Westeuropa, Nordamerika, Japan) insgesamt wg. Schwäche in Westeuropa durchwachsene +0,5%; in den EM erreichte das oW erneut robuste +4,7% auf 2,07 Mrd. EUR (41% Konzernanteil, etwas geringer yoy wg. Zukauf Sun/Reinigungs-/Waschmittelhersteller im mittleren Preissegment in den USA), hiervon Osteuropa +5,2% (749 Mio. EUR, 14,7% Konzernanteil, vor allem Retail in Rußland sowie Beauty/Schwarzkopf und Home Care – insbesondere Somat – sehr dynamisch mit jeweils zweistelligem Wachstum), Asien/Pazifik mit +4,8% (845 Mio. EUR, 16,6% Konzernanteil, davon rd. 170 Mio. EUR in Japan, dieser Umsatz wird zum Umsatz in den reifen Märkten gezählt), Lateinamerika +6,1% (291 Mio. EUR, 5,8% Konzernanteil) und Afrika/NO +1,1% (334 Mio. EUR, 6,6% Konzernanteil). Das Online-Geschäft wächst weiter satt zweistellig und erreicht bereits 9% des Konzern-Umsatzes – vor allem wg. des in China beliebten Online-Kaufs von Konsumprodukten (dort ist Henkel schon sehr früh eine Kooperation mit Alibaba eingegangen und hat mehrere Online-Shops für die in China beliebten Marken, insbesondere Schwarzkopf/Syoss, aber auch für die Laundry-/Home Care-Produkte).
⁃ Umsatz nach Geschäftsbereichen: Erneut starkes Wachstum im Klebstoffgeschäft (Henkel ist Weltmarktführer) mit +3,4% auf 2,37 Mrd. EUR (46,8% des Konzernumsatzes), besonders stark wächst Henkel mit Loctite im Elektronikgeschäft (Smartphones/Tablets, hier neuerdings auch wg. größerer Kamera-Module) sowie mit Loctite und Teroson im Autogeschäft (zweistelliges Wachstum von Teroson mit Smart Repair von Autoscheiben; hohes einstelliges Wachstum bei Loctite mit car connectivity und e-mobility), zudem wächst die Nachfrage aus praktisch allen Industrien insgesamt seit langem robust, weil weniger geschweißt und immer mehr geklebt wird (Gewichtseinsparung, Temperaturbeständigkeit, Feuchtigkeitsresistenz, Werkstoff-Flexibilität, schnellere/weniger aufwändige Produktion), und mit Pattex/Pritt legt das Klebstoffgeschäft auch im Consumer-Segment zuverlässig zu; im Konzerngeschäftsfeld Beauty/Personal Care diesmal kein oW (Umsatz 997 Mio. EUR = 19,7% Konzernanteil) wg. der o. a. Absatzschwäche in Westeuropa, dagegen sehr starker Absatz in Rußland, zudem hohes Momentum des Friseurgeschäfts in den USA (dort mit #mydentity erste eigenständige Influencer-Marke) und guter Absatz von Schwarzkopf/Syoss in China; Laundry/Home Care mit 2,1% oW (1,7 Mrd. EUR = 33,5% Konzernanteil), starkes Wachstum von Persil gerade in den USA vor allem mit Innovationen, Somat wächst international zweistellig, hohes Wachstum zudem in Australien/Neuseeland, getrieben von Produktneuheiten der dort beliebten Core-Brands Fab, Dynamo und Cold Power.
⁃ Das Ebit wächst mit +10,83% auf 839 Mio. EUR (16,46% oM = +19 bps) erneut schneller als der berichtete Umsatz, bereinigt um Einmalkosten/-erträge aus M&A/Restrukturierung (vorwiegend Sun; lt. CFO Knobel im Analysts Call liegt die Integration von Sun im Plan und läuft gut) steigt die Ebit-Marge um 23 bps auf einen historischen Rekordwert von 17,83%. Bei Adhesives steigt die bereinigte oM um 60 bps auf 19,2%, damit bleibt es damit das mit Abstand profitabelste Konzerngeschäft (und profitabler als bei allen wichtigen Peers); bei Beauty/Personal Care legt die bereinigte oM ebenfalls um 60 bps auf 18% zu und liegt damit in der Spitzengruppe der drei profitabelsten Peers; bei Laundry/Home Care sinkt sie plangemäß wg. Sun um 60 bps auf 17,5% (Henkel bleibt weiter unter den drei profitabelsten Wasch-/Reinigungsmittelherstellern) wobei das berichete Ebit um 21,6% auf 265 Mio. EUR steigt (bereinigt ebenfalls um 22,1% auf 298 Mio. EUR), da aber der Umsatz vorwiegend wg. des nun konsolidierten Zukaufs Sun mit 26,6% auf 1,7 Mrd. EUR noch schneller gewachsen ist, gehen oM berichtet und bereinigt leicht zurück (Grund bei der berichteten oM sind höhere COGS bei Sun, die allerdings mittelfristig auf Konzernniveau des Laundry-Bereichs sinken sollen).
⁃ Der Quartals-FCF sinkt um 33,4% auf 317 Mio. EUR (6,22% FCF-Marge), Gründe sind geringere kurzfristige Verbindlichkeiten und höhere Investitionen; bereinigt beträgt die FCF-Marge 10,14% (owner earnings 15,99%); FCF-Marge FYe 11,3%.
⁃ Die Nettofinanzschulden sind trotz fremdfinanzierter Zukäufe (Sun für rd. 3,2 Mrd. EUR sowie mit Pravana und Tec Italy Friseurmarken von Nattura Laboratorios in Mexiko für einen nicht bezifferten Betrag im unteren dreistelligen Millionenbereich; diese Marken sind bei Hispanics in den USA sowie in Mexiko, Kolumbien und Spanien beliebt) mit 2,34 Mrd. EUR überschaubar (Vorjahr 0,2 Mrd. EUR), zudem 743 Mio. EUR Pensionsverpflichtungen (kumulierte Nettoverschuldung von rd. 1,3x FCF FYe); die Kapitalbindung sinkt weiter: nwc 5,2% (-10bps), beim Klebstoffgeschäft bleibt sie mit 11,1% trotz merklichen Rückgangs um 80 bps hoch (Lieferfähigkeit für industrielle Großkunden, daher stets größeres Lager notwendig als im Consumer-Geschäft), Beauty/Personal Care 4,5% (+140 bps wg. schwachen Absatzes in Westeuropa), Laundry/Home Care -2,2% (-3,9%); EK +9,9% auf 15,02 Mrd. EUR (52,75% EK-Quote = -450 bps; Fremdfinanzierung der Zukäufe Sun und Nattura); ROCE FYe 12,7%, ROE FYe 15,3% (alles ohne die u. a. Zukäufe Darex und Sonderhoff mit Closing im Juli 2017, die ebenfalls fremdfinanziert werden, so daß zunächst rd. 1 Mrd. EUR weiterer Schulden hinzukommen, der hohe und wachsende FCF FYe sollte die Nettoschulden jedoch nicht deutlich ansteigen lassen);
⁃ EV 21,6x FCF FYe (ohne Darex u. Sonderhoff, da Closing im Juli), damit leicht niedriger bewertet als der Durchschnitt der Peer Group – obgleich vor allem bei Adhesives merklich stärker wachsend und auch Margenprimus, bei Laundry mit deutlich höherem oW und zudem klar höherer oM als der Peers-Durchschnitt, bei Beauty, Personal Care und Home Care ganz leicht höheres oW und leicht höhere oM als der Peers-Durchschnitt, schließlich gerade bei Industrieklebstoffen und bei Waschmitteln wg. des Zukaufs Sun und des großen Erfolgs von Persil in den USA signifikantes Potential für weiter steigende Skaleneffekte und höhere Margen, dto. wg. des weiter wachsenden Umsatzanteils höherwertiger Produktneuheiten, die den Preismix fast immer etwas verbessern; FV DCF 128-136 EUR/Aktie – auch wenn oW diesmal unter Konsens war (3,4%).

Henkel wächst in zwei von drei Geschäftsbereichen klar besser als die Peers, stark erneut der Absatz in den USA inkl. Consumers trotz der dortigen Konsumzurückhaltung – eine Outperformance, die Henkel seit längerem schafft (vor zwei Jahren war das US-Geschäft eine „Baustelle“ die konsequent mit neuen Produkten, Kosteneffizienz und Ausbau der Vertriebskanäle bereinigt wurde) -, weshalb die meisten Peers dort derzeit nicht oder kaum wachsen, robust zudem die Geschäfte in den EM, auch in China, sehr dynamisch weiter Adhesives, dagegen bremst die derzeitige Schwäche einiger westeuropäischer Consumer-Märkte, die lt. CEO Van Bylen weiter anhält, dort vor allem eine hohe Wettbewerbsintensität bei Personal Care-Produkten wie Shampoos und Deos, Henkel steuert dort aber mit mehr hochwertigen Produktneuheiten gegen, vor allem bei Beauty und in den reifen Märkten bleiben Preiserhöhungen im Consumer-Geschäft schwieriger derzeit, aber mit höherwertigen Produktneuheiten gelingt dies durchaus, wie Persil in den USA, Somat und die lokalen Waschmittelmarken in Australien/Neuseeland zeigen – und trotz anhaltender Konsumschwäche in den reifen Märkten steigert Henkel erneut seine bereinigte oM auf neue Rekordhöhe.

Also nach wie sehr gute Voraussetzungen für profitables Wachstum – und auch für weiter steigende Aktienkurse, vermutlich aber erst im Herbst, denn der Sommer ist üblicherweise an den Börsenmärkten schwach, da scheint auch dieses Jahr, zumindest bis jetzt, keine Ausnahme zu werden.

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