Ein Gastbeitrag von Frank Bormann zu der Frage: Die Bedeutung von Entry und Exit im Börsenhandel

Veröffentlicht am

Die meisten Akteure an den Börsen beschäftigen sich intensiv und nahezu ausschließlich mit der Frage, wann und nach welchen Kriterien sie eine Aktie kaufen. Je nach Mentalität und Ausrichtung spielt dann entweder das Timing über technische Analysen eine besondere Rolle, Fundamental-Research oder eine Mischung aus beidem.

Der Heilige Gral des Handelns an den Börsen ist dann ein Rundum-Sorglos-Entry, bei dem die Aktie sofort nach Einstieg steigt, so dass man sich über Schieflagen und (unrealisierte) Verluste keine Sorgen machen muss. Aus psychologischer Sicht ist das natürlich verständlich – aber ist es auch sinnvoll?

Eine erste Google Suche bestätigt, womit sich Händler gerne beschäftigen:

Suchanfrage Ergebnis
Stock Trading Entry 5.480.000 Treffer
Stock Trading Entry Signals 4.200.000 Treffer
Stock Trading Exits 1.320.000 Treffer

 

Werfen wir einen Blick in die Fachliteratur. Hier mal zwei Beispiele von etablierten Tradingbüchern:

Autor Buch Behandlung Exits
Dr. Alexander Elder Trading for a living 6 Seiten ab Seite 263
Alan Farley The Master Swing Trader 2 Seiten ab Seite 404

 

Egal, welches Buch über Trading man sich anschaut, es geht seitenweise über Einstiegssignale und Entry Strategien. Was man dann mit der Position macht, die man sich so wohlüberlegt gekauft hat, geht als Randnotiz unter.

An einem typischen Beispiel möchte ich nun verdeutlichen, wie wichtig Exits sind, und warum ein aktiver Trader meiner Meinung nach mehr Zeit mit der Analyse der Exits als mit der Suche nach Holy Grail Entries verbringen sollte:

Drei Trader haben sich gemeinsam gedacht, die JD Aktie nach einem Pullback bei $40,54 zu kaufen.

Trader 1 konnte mit einem Exit am Swing High einen Gewinn verbuchen, Trader 2 hatte seinen Stop auf Breakeven gezogen und ist Plus/Minus Null aus dem Trade gegangen, und Trader 3 sah einen positiven Trade langsam ins Minus laufen und ist dann am Tief ausgestiegen, bevor die Aufwärtsbewegung weiterging.

War der Entry gut oder schlecht? Für Trader 1 war er gut, für Trader 3 war er schlecht. In Wirklichkeit haben aber die Exit Strategien über Gewinn oder Verlust entschieden.

Welche Arten von Exits es gibt und wie man sie gewinnbringend kombinieren kann, stelle ich nachfolgend vor.

1) Der unangenehme Exit, auch Initial Stopp genannt

Eins vorweg – es ist gleichzeitig auch der wichtigste von allen Exits, denn er sorgt dafür, dass Börsenteilnehmer auch morgen noch handeln können. Außerdem ist es der Exit, der am ehesten Demut vor den Märkten lehrt!

Wer kennt das nicht – man hat sich breitschlagen lassen, sei es von der Fachliteratur oder von einem erfahrenen Trader, und nutzt nun einen Initial Stopp. Und gleich beim ersten Mal geht die Aktie genau bis zum Stopp zurück, man realisiert den Verlust, und danach geht die Aktienfahrt genau in die gewünschte Richtung.

In so einer Situation muss man sich die menschliche Psychologie noch mal vergegenwärtigen. Zum einen bleiben Verlusttrades viel stärker im Gedächtnis als Gewinntrades, egal wie groß oder klein der Verlust war. Insofern hat es der Initial Stopp gegen die anderen Trades nicht leicht, denn er führt ja zwangsläufig zu einem Verlust. Zum anderen neigen wir dazu, zu vergessen, wie oft der Initial Stopp uns die Haut und das Kapital gerettet hat, wenn er für uns eine Verlustposition geschlossen hat, die danach dann erst so richtig schiefging. Aber das haben wir dann ja meistens gar nicht mehr mitbekommen, wir waren ja damit beschäftigt, uns über den Stopp zu ärgern.

Die einzige Funktion des Initial Stopps ist es, uns und unser Kapital zu schützen. Er erzwingt, dass wir uns an ‚Cut your losses, and let your profits run‘ halten. Und gerade für aktive Trader gehört das ‚Cut your losses‘ zum ganz normalen Börsenalltag. Niemand, der viele Trades an der Börse macht, hat eine Winrate von 100%. Verluste gehören zum Handeln dazu, man muss sie nur begrenzen.

1R – was war das nochmal?

Manche kennen das 1R vielleicht schon, den meisten Tradern wird es aber noch unbekannt sein. Es stammt aus der Schule des Autors und Börsencoaches Dr. Van Tharp. Gemeint ist hierbei eine Risikoeinheit – 1R steht für 1 mal Risiko. Gemessen wird es an der Differenz zwischen Entry und Initial Stopp. Kauft man eine Aktie zu €100, und setzt den Initial Stopp bei €90, dann entspricht 1R=€10. Kauft man 100 Aktien zu 100 Euro, so ist das Kapital, dass man dem Kursrisiko aussetzt, auf 1.000 Euro begrenzt (€10 Kursrisiko x 100 Aktien).

Dr. Tharp geht hier noch einen Schritt weiter. Er sagt, dass derjenige, der keinen initial stopp benutzt, sein ganzes Investment als 1R sehen muss – die Aktie könnte ja auf 0 fallen. Im Beispiel oben wäre also Entry = 1R = €100, wodurch sich das Kapitalrisiko auf € 10.000 bzw. Totalverlust erhöht.

Wofür brauchen wir 1R?

Nehmen wir noch einmal unser Beispiel vom Anfang, die JD Aktie. Diesmal zeichnen wir aber einen Initial Stopp ein:

Der Entry ist wieder bei $40,54 und der Initial Stopp ist bei $40,31. Damit entspricht 1R = $0,23.

Wem das zu abstrakt ist, hier als Praxisbeispiel: Wir kaufen 1.000 JD Aktien, der Wert entspricht $40.540. Durch den Initial Stopp ist unser Risiko limitiert auf $0,23. Da heißt, wenn wir uns irren mit dem Trade, verlieren wir maximal $230, danach ist die Position mit einem kleinen Verlust geschlossen.

Den Gewinn von Trader 1 kann man nun auch in R ausdrücken. Er konnte seine Aktien bei $40,80 verkaufen, also mit einem Gewinn von $0,26. Dies entspricht +1,13 R ($0,26 / $0,23).

Warum macht es Sinn, seinen Gewinn in R zu bemessen?

Hier geht es um die Betrachtung von Risk/Reward, also die Frage, wieviel konnte ich gewinnen, und wieviel Risiko habe ich eingesetzt, um diesen Gewinn zu erhalten. Aktive Trader, die langfristig erfolgreich sein wollen, sollten sich die Faustregel 2:1 aneignen. Das heißt, ich erwarte bei jedem Trade, den ich eingehe, mindestens zweimal so viel zu gewinnen, wie ich als Risikokapital eingesetzt habe. Kurz gesagt, ich will 2R oder mehr pro Trade.

Eine solche Erwartungshaltung hilft dabei, keine Trades einzugehen, bei denen ich nur schnell mal rein und wieder raus gehen will und dabei, am Schlimmsten noch ohne Initial Stopp, Haus und Hof einsetze.

Zurück zum Initial Stopp – wo platzieren wir ihn?

Dafür gibt es verschiedene Methoden, und alle haben ihr für und wieder.

a) Langfristige Investoren, fundamental orientierte Anleger.

Hier geht es eigentlich nur darum, ein zweites ENRON zu vermeiden. Wir erinnern uns:

Das Portfolio Rebalancing erfolgt hier ja nach eingehender Analyse der fundamentalen Daten, aber wenn Bilanzen gefälscht sind oder der Marktkonsensus sich unerwartet scharf dreht, dann will man ja nicht sein ganzes Investment verlieren. Ein Initial Stopp, der z.B. an der 200-Tage Linie liegt, oder 10% bis 20% unterhalb des Einstiegskurses, kann hier das Schlimmste vermeiden.

Die Kernfrage ist hier, bis zu welchem Kursverlust fühle ich mich noch wohl mit meinem Investment und ab wann stelle ich meine Investmententscheidung grundsätzlich in Frage und muss zugeben, dass ich mich vielleicht doch geirrt habe. Genau dort muss der Stopp liegen.

Anders ist das beim mittel- und kurzfristigen Trading. Hier möchte ich zwei Varianten vorstellen, wie ein Initial Stopp sinnvoll platziert werden kann.

Die erste Methode ist rein visuell, man betrachtet den Chart und platziert den Stopp knapp unterhalb des letzten Swing Lows. Der Vorteil ist, dass dies jeder ohne größeren Aufwand umsetzen kann. Dieser Vorteil ist aber auch gleichzeitig der größte Nachteil – gerade professionelle Trader wissen um diese Supportlevel und testen diese gerne auch mal, um dann beim Reißen der Stopps einen schnellen Gewinn zu machen. Wer also öfter schlechte Erfahrungen mit knapp gerissenen Stopps hat, sollte zur zweiten Methode greifen.

2) Diese Methode benutzt den Average True Range, kurz ATR. Fast alle Chartprogramme können diesen Indikator abbilden, die default Einstellung von 14 bars ist gut genug.

Der ATR misst die wahre durchschnittliche Schwankungsbreite. Statt nur zu sagen, dass die maximale Bewegung eines Tages die Differenz zwischen Hoch und Tief ist, wird beim ATR auch noch das Gap zum Vortag hinzugerechnet, falls vorhanden. Der 14-Tage Durchschnitt gibt so einen guten Eindruck davon, wie groß die echte Range einer Aktie im Moment gerade ist. Da der ATR volatilitätsabhängig ist, wird er kleiner in ruhigen Marktphasen und größer bei höheren Schwankungen. Der folgende Chart zeigt den ATR als eigene Grafik im unteren Teil.

Eine gute Faustregel für den Initial Stopp ist 3 * ATR(14), das heißt, man multipliziert den Wert des ATR mit 3 und platziert den Stopp dann um diesen Wert unterhalb des Entries. Im Beispiel oben wäre der Entry bei $ 50,73 und der ATR bei $ 0,86. Der Stopp wird also bei $48,15 platziert (rote Linie). Die Nutzung von 3 * ATR eignet sich für Tagescharts bis zu 3-min Bar Charts. Bei noch kürzeren Charts würde ich eher 5 * ATR oder ähnliches empfehlen, sonst wird der Stopp zu eng.

Die Nutzung von ATR als Methode für den Initial Stopp hat den Vorteil, dass sie volatilitätsabhängig ist, konsistent in der Nutzung und auch im Nachhinein nachvollziehbar. Außerdem eignet sie sich gut für spätere Analysen, wenn wir der Frage nachgehen, ob wir die Stopps eher zu eng oder zu lose setzen.

Noch ein abschließender Kommentar zum Initial Stopp. Ich hatte ja eingangs schon erwähnt, dass ich ihn gerade für kurz- und mittelfristiges Trading für unverzichtbar halte, sowohl zum Schutz des Handelskapitals, als auch zur realistischen Ermittlung des Risk/Reward eines Trades.

Der Initial Stopp ist auch der einzige Exit, den wir festlegen, bevor wir in einen Trade gehen. In dem Moment, in dem der Entry bekannt ist, wird auch das Stopplevel errechnet und eingegeben. Hier spielen Börsenpsychologie und Emotionen noch keine Rolle. Ganz anders verhält es sich, wenn der Trade erst mal unterwegs ist und die typischen Börsenbegleiter, Gier, Angst, Freude, Stress dazukommen. Je mehr man in der Lage ist, sein Trade Management zu strukturieren, desto weniger spielen diese Emotionen eine Rolle, bzw. desto weniger Einfluss haben sie auf das Ergebnis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.