Der Wahlmarathon in Frankreich

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Am 23. April 2017 startet das Wahljahr in Frankreich mit dem ersten Durchgang der Präsidentenwahl. Schafft wie erwartet keiner der Kandidaten im ersten Durchgang die absolute Mehrheit, treffen am 7. Mai die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen in einer Stichwahl aufeinander. Einige Wochen später dürfen die Franzosen dann das dritte Mal wählen und die künftige Zusammensetzung des Parlaments bestimmen.

Die Wahlen in Frankreich gelten als wichtigster politischer Einflussfaktor für die Märkte in diesem Jahr, nachdem potentielle Neuwahlen in Italien zunehmend unwahrscheinlicher werden. Denn mit der Front National (FN) wirbt eine der größten Parteien offen für den Austritt Frankreichs aus der EU und aus der Währungsunion – und damit für eine weitere Zerreißprobe der europäischen Gemeinschaft.

Lange lag die FN-Chefin Marie Le Pen in den Umfragen zur ersten Wahlrunde auf Platz eins, in den vergangenen Wochen hat sie jedoch an Boden gegenüber dem unabhängigen Kandidaten Macron verloren. Dieser liegt bei den Wählerbefragungen aktuell knapp in Führung. Trotzdem behauptet Le Pen Platz zwei mit komfortablem Vorsprung vor anderen Mitbewerbern. Damit dürfte sie wohl in die Stichwahl einziehen. Die Kandidaten der anderen Parteien sind weitgehend abgeschlagen und haben sich das Leben durch diverse Skandale oder strafrechtliche Ermittlungen schwergemacht. Dies gilt insbesondere für den konservativen Kandidaten Fillon, der lange Zeit als Favorit auf das höchste Staatsamt in Frankreich gehandelt wurde.

Für eine potenzielle Stichwahl zwischen Macron und Le Pen sehen die Demoskopen eine klare Mehrheit für Macron. So dürfte er aktuell gut 60 Prozent der Stimmen auf sich vereinen und wohl auch auf klare Wahlempfehlungen der anderen Kandidaten hoffen können.

Freilich sind viele Marktteilnehmer nach den überraschenden Wahlausgängen des Jahres 2016 skeptisch, ob die Prognosen von Demoskopen wirklich verlässlich sind. Denn das Brexit-Ja und der Wahlsieg von Donald Trump kamen ebenfalls überraschend und entgegen aller Prognosen zustande. Allerdings sind die Ausgangsvoraussetzungen in Frankreich anders:

  • Die Front National ist keine neue Bewegung. Sie ist seit Jahrzehnten in Frankreich aktiv und ist bereits bei vielen Wahlen angetreten. Dadurch haben die Wahlforscher hier eine weitaus bessere und umfangreichere Datenbasis als beispielsweise bei der Brexit-Entscheidung. Damit sollten zuverlässigere Prognosen möglich sein.
  • Der Stimmenvorsprung von Macron bei einer potenziellen Stichwahl fällt mit 20-Prozent-Punkten überaus deutlich aus. Sowohl bei der Breit-Entscheidung als auch beim Duell Trump gegen Clinton waren die Stimmenunterschiede deutlich geringer.
  • Die Franzosen sind in ihrem Herzen Europafreunde. So haben sich bei den jüngsten Umfragen 70 Prozent der Bevölkerung für einen Verbleib in EU und Währungsunion ausgesprochen. Auch dies macht einen Wahlerfolg von Le Pen unwahrscheinlich.

Grundsätzlich ist ein Wahlerfolg der bürgerlichen und europafeindlichen Kräfte wahrscheinlicher. Dies sollte von den Märkten mit Erleichterung aufgenommen werden. Denn trotz der deutlichen Wahlprognosen sind viele Investoren aktuell nach dem Vorsichtsprinzip unterwegs. So haben viele Fondsmanager europäische Aktien noch immer spürbar Untergewichtes und verweisen dabei auf die hohen politischen Risiken. Diese Wahrnehmung könnte sich nach den Frankreich-Wahlen drehen und für verstärkte Umschichtungen in Titel unseres Heimatkontinents führen. Entsprechend bleiben europäische Aktien erste Wahl.

Sollte hingegen Marie Le Pen tatsächlich französischen Präsidentin werden, dürfte dies zu einem substanziellen Anstieg der Volatilität führen. Denn dann würden Ängste vor einem Zerfall der Europäischen Union und der Gemeinschaftswährung Euro wieder aufleben.

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