Amazon kauft Whole Foods: Die Börse jubelt – zu Recht?

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Es war die Nachricht des Tages: amazon kauft die US-Biomarktkette Whole Foods Market. Die News versetzte die Börse am Freitag in Aufruhr und ließ die Aktien selbst großer europäischer Handelshäuser wie Metro oder Carrefour deutlich sinken. Doch was ist der Deal von amazon wirklich wert, verschafft sich Jeff Bezos damit einen signifikanten Wettbewerbsvorteil?

amazon ist mit 55x FCF rd. 5x so hoch bewertet wie Apple. Apple hat aber 5x höhere Margen als amazon. amazon verzinst das eingesetzte Kapital mit rd. 13% – inkl. der leased assets, die bei amazon eine wichtige Rolle spielen -, Apple mit 66%, obgleich Apple doppelt 4x mehr Kapital einsetzt als amazon. Das sind Fakten.

Der Fair Value der amazon-Aktie liegt – selbst bei für amazon sehr vorteilhaften Annahmen (hohe FCF-Wachstumsraten, geringer WACC – bei max. 250 Mrd. USD, also im besten Falle 45% geringer als der aktuelle Enterprise Value. Die amazon-Aktie ist selbst bei absolut mega-wohlwollender Betrachtung deutlichst überbewertet. Auch das sind Fakten.

Für Whole Foods, die im Bereich organic and regional food aktiv sind, hat amazon eine gegenüber Wal Mart um rd. 35% höhere Bewertung akzeptiert, obgleich Whole Foods seit drei Jahren kaum noch wächst, die Margen sinken, zudem sind die Margen geringer als die von Wal Mart. Offenbar ist das Marktpotential für organic und regional food in den USA weitgehend ausgeschöpft, zumal Wal Mart, Kroger und kleinere regionale Supermarktketten ebenfalls eine große Zahl organic regional food anbieten. Annie’s von GIS zB ist in allen Supermarktketten verfügbar, auch bei Whole Foods.

Der Deal amazon/Whole Foods wird von der Börse sehr positiv gesehen, weil angenommen wird, amazon werde nach und nach das Supermarktgeschäft online/offline erobern. Dabei tritt amazon anders als im Buchgeschäft oder im Bekleidungsgeschäft gegen enorm finanzstarke und vertriebserfahrene Großfirmen an, Wal Mart zB hat einen FCF von 15 Mrd. USD, amazon erreicht knapp 6 Mrd. USD – zumal amazon ständig viel Kapital für seine anderen Geschäftsfelder benötigt und nur einen Teil in die Lebensmitteldistribution stecken kann.

So dürften Wal Mart, Kroger und andere das Online-Geschäft und das Haus-Lieferungsgeschäft nun schneller ausbauen, zudem können sie zB von Whole Foods stark vertriebene Marken intensiver covern als bisher. Es ist also keineswegs so, daß amazon nur Angreifer ist, und der Rest verteidigt. Auch wird amazon nicht einfach über günstigere Preise Marktanteile kaufen können, denn auf der anderen Seite stehen sehr große und finanzstarke Hersteller von Nestlé über Unilever und GIS bis KH, bei denen amazon bisher keine günstigeren Einkaufskonditionen durchsetzt als die Supermarktketten. Kitkat, Nesquik, Knorr, Annie’s, Kellogg, Kraft etc. kann man seit langem auf amazon.com kaufen, aber günstiger als im Supermarkt ist das nicht.

amazon und Whole Foods gemeinsam haben auf dem US-Markt weniger als 2% Marktanteil, Wal Mart aber 18%, weshalb Nestlé, Unilever, GIS, KH etc. mit Sicherheit nicht günstiger an amazon verkaufen als an Wal Mart oder als an Kroger, das Gegenteil dürfte der Fall sein. Wenn aber amazon künftig trotzdem mehr verkauft, ist das für die Hersteller sogar gut, denn dann haben die Hersteller absatzbedingt höhere Skaleneffekte. Die Hersteller bekommen einen weiteren Absatzkanal. Weshalb vor diesem Hintergrund die Aktien sämtlicher US-Lebensmittelhersteller gestern merklich zurückgesetzt haben, als der amazon/Whole Food-Deal bekannt wurde, ist nicht nachvollziehbar.

Das Beispiel China zeigt, daß die Lebensmittelhersteller auch bei schnellem Wachstum der Online-Nachfrage profitabel wachsen. Die Chinesen kaufen seit Jahren Lebensmittel (auch Home/Personal Care) gerne online, vornehmlich über Webseiten von alibaba und anderen Anbietern. Nestlé und Unilever etc. verdienen auch in China sehr gut. Denn entscheidend ist, daß ihre Marken bei den Verbrauchern beliebt sind, die kaufen diese Marken offline in Supermärkten und online in Webshops.

Die 430 Whole Foods-Märkte verfünffachen die Anzahl der Hubs/Fullfilment-Centers von amazon Prime in Großstädten der USA, von denen aus Hauslieferungen gemacht werden können. Das angestrebte Wachstum kommt also aus der Netzverdichtung für taggleiche Lieferungen online bestellter Lebensmittel. Allerdings: Wal Mart hat in den USA rd. 4.800 Stores, Kroger rd. 2.800 Stores. Die können mit ihrem noch dichteren Netz noch kosteneffizienter taggleiche Hauslieferungen machen, wenn sie das wollen, entweder mit Logistikpartnern wie UPS oder mit eigener Auslieferungsflotte. Und Online Shops haben sie heute schon.

Ein Produkt-/Kosten-/Liefervorteil von amazon ist – zumindest derzeit – nicht erkennbar.

Die Gefahr, dass amazon sich auf seinen zahlreichen Baustellen allmählich verzettelt, wächst – auch durch diesen Deal.

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